APHORISMEN UND LEBENSBETRACHTUNGEN

In dieser Serie teilen Wilfried Nelles und andere in Form von kurzen Geschichten und Aphorismen Einsichten, die ihnen plötzlich zugefallen sind.

DEZEMBER 2020

POTENTIAL UND SELBST

Wenn man beim LIP auf die Position 1 schaut und dort das entdeckt oder etwas von dem erahnt, was ich das „innere Potential“ genannt habe, dann ist das nicht zu verwechseln mit dem Selbst.

Das Selbst geht weit darüber hinaus.

Im „inneren Potential“ steckt vielmehr die jeweils individuelle Kraft und Fähigkeit, die dich in dein Selbst hinein und über es hinaus trägt.

Oder, um mit Khalil Gibran zu sprechen, die dir vom Leben gegebene Form und Energie, in der und durch die sich dessen „Sehnsucht nach sich selbst“ erfüllen will.

NOVEMBER 2020
WAHRHEIT

Die Wahrheit spricht über sich selbst und zeigt sich selbst.
Man muss nur lernen, sie zu wahr-zu-nehmen.
Wenn man sie hört oder sieht, weiß man es.

Das, was man beweisen kann oder muss, ist nicht die Wahrheit.

Die Wahrheit wird erst erkannt, wenn sie erfahren wird.
Dann ist sie auch erst wahr im vollen Sinne.

OKTOBER 2020
SPONTANES HANDELN UND REAGIEREN

Spontan handeln (auf die jeweilige Situation antworten) ist etwas ganz anderes als reagieren.

Eine Reaktion kommt aus der unbewussten Erinnerung, aus dem Verstand bis hin zu den unbewussten Erinnerungen unserer Körperzellen an Erfahrungen im Mutterleib. Sie ist ein erlerntes Verhalten, ein Muster, das bei ähnlichen Situationen immer wieder aktiviert und wiederholt wird. Deshalb kann man es auch messen und (in gewissen Grenzen) vorhersagen.

Spontanes Handeln entsteht im Jetzt, es kommt aus der inneren Leere. Es ist nichts Erlerntes, es ist frisch und neu und selbst für den Handelnden überraschend. Es kommt nicht aus der Person, sondern es geschieht durch sie.

Diese Unterscheidung muss man lernen und vollkommen verinnerlichen, wenn man als phänomenologischer Therapeut arbeiten will. Dazu braucht es:

  1. Eine lange Zeit der aufrichtigen, radikal ehrlichen und wertfreien Selbstbeobachtung. Das kann durch Meditation geschehen, aber ebenso gut kann man es im Alltag praktizieren und erlernen. Ich ziehe Letzteres vor, aber in den ersten Jahren dürfte eine halbe Stunde stilles Sitzen alle 1-2 Tage sehr hilfreich sein.
  2. Viel Geduld und Liebe zur Wahrheit und zu sich selbst. Vor allem am Anfang, wenn einem bewusst wird, wie sehr man immer nach alten Mustern reagiert, braucht es diese Liebe zu sich selbst. Und auch später, wenn man immer wieder „Fehler“ macht. Und wenn man wirklich tief gehen will, muss sich diese Liebe auch auf die so genannten dunklen Seiten (den „Schatten“) in sich selbst erstrecken. Der Antrieb dazu kommt letztlich aus dem Willen zur Wahrheit, der kein persönlicher Wille ist, sondern einer, den das Leben selbst durch dich vollstrecken will.
  3. Die Bereitschaft, (bei allen Unzulänglichkeiten) zur eigenen Größe zu stehen und so sein inneres Wachstum auch tatsächlich zu sich zu nehmen. Wenn zum Beispiel der Meditierer tatsächlich innerlich wächst, dann wächst er eines Tages aus dem Meditieren heraus. Das gilt vielleicht nicht für Asiaten, aber sicher für Westler. Dazu muss er dieses Wachstum aber zu sich nehmen, es sich innerlich eingestehen und auch äußerlich dazu stehen. Zum Beispiel, indem er mit dem Meditieren aufhört, egal, was andere äußere oder innere Stimmen dazu sagen. wenn er innerlich merkt, dass es genug ist. Und sich nicht einredet oder einreden lässt, er müsse zuerst noch mehr wachsen, vielleicht mehr meditieren. Und er muss auch den Mut haben, dazu äußerlich zu stehen. Nur dann wächst man weiter, nur dann geschieht das Wachstum auf natürlich-leichte Weise und trägt einen ganz von selbst auf die nächste Stufe. Und so geht es weiter und weiter, und man muss immer voll und ganz zu sich, und das heißt in diesem Zusammenhang: zu seiner Größe, stehen. Natürlich gibt es Stimmen von außen wie von Innen, die einem einreden, man wäre überheblich oder so. Die wirkliche innere Stimme ist still, sie redet nicht, doch man kann sie hören. Alle „inneren“ Stimmen, die reden, kommen von früher.
  4. Generell muss jede Wachstumsstufe innerlich voll genommen und tatsächlich gelebt werden, genauso, wie wir sie auch äußerlich voll nehmen und leben (müssen). Nur dann geschieht der nächste Übergang, und dann geschieht er leicht.

SEPTEMBER 2020
AKADEMISCHE PSYCHOLOGIE

Die akademische Psychologie beschäftigt sich weitestgehend mit erlerntem Verhalten, damit, wie Menschen auf äußere Reize reagieren. Da diese Reaktion im Gehirn entsteht, beschäftigt sie sich mit dem Gehirn und dem Verstand. Auch hoch emotionales Verhalten wird als erlerntes Reaktionsmuster des Verstandes angesehen, studiert und therapiert.

Soweit es um reaktives Verhalten geht, ist dieser Ansatz vollkommen angemessen. Die Frage ist nur: Ist alles menschliche Handeln erlernt? Ist es immer eine Reaktion auf einen äußeren Reiz? Oder gibt es auch spontanes, unverursachtes Handeln?

 

AUGUST 2020
DAS LEBEN GESCHEHEN LASSEN

Das Leben geschehen lassen bedeutet einfach, sich vom Leben selbst bewegen zu lassen. Das ist auch wirkliches Loslassen. Was loszulassen ist, ist vor allem die Idee, das Leben und, vor allem, sich selbst seinen eigenen Vorstellungen entsprechend gestalten und kontrollieren zu können (zu müssen).

Dazu muss man das Tun aufgeben – und all seine Werte und Ideale. Denn sie und unser eigenes Tun stehen der Bewegung des Lebens selbst im Weg, sie be- oder verhindern sie.

Das Tun besteht darin, sich der natürlichen Bewegung des Lebens zu verschließen oder sich dagegen wenigstens innerlich zu schützen (defensive Seite) und / oder sich permanent um die Verwirklichung seiner Ziele und Ideen zu bemühen.

Mit den Idealen halten wir das Leben selbst von uns fern. Wenn etwas nicht „meinen Werten“ entspricht, gehört es durchaus zum Leben, und zwar genauso voll und berechtigt, wie „meine Werte“. Für „wertegebundene“ Menschen ist das wirkliche Leben eine ständige Störung.

Das Lassen muss man durchaus auch wollen, man muss sich den Kräften des Lebens, wie sie in unserer jeweils eigenen Natur und Gestalt zum Ausdruck kommen wollen, bereitwillig und offen überlassen. Dieses Aufgeben aller Kontrolle ist das einzige, was man wollen muss.

JULI 2020
JUNGE ODER MÄDCHEN?

Wenn ein weiblicher Embryo zwei Monate alt ist, wachsen in ihm die Eizellen, aus denen später, wenn sie befruchtet worden sind, neue Menschen entstehen können. Wenn er fünf Monate alt ist, sind alle Eizellen fertig. Etwa vier Monate später erblickt dieses Kind das Licht der Welt, und es hat den Körper eines Mädchens, aus dem später eine Frau wird.

Warum ich dies schreibe?
Weil uns heute erzählt wird, das man nicht als Frau geboren, sondern (von der Gesellschaft) dazu gemacht wird, und manche jungen Frauen dies glauben und meinen, sie hätten einen falschen Körper und könnten Männer werden.

Was war vorher da? Unser Körper oder unser Denken?

JUNI 2020
LEBEN UND TOD

Das Leben geschieht
… wann es will, wo es will, wie es will, wie lange es will.

Niemand macht sein Leben, niemand gestaltet es. Das Leben gestaltet dich, es formt dich.

Es lebt auch niemand sein Leben – das Leben lebt sich selbst durch dich.

Wir werden geboren, um zu sterben.
Wir sterben, damit neues Leben entstehen kann.

Das Leben ist Bewegung. Wohin? Zum Tod.
Der Tod macht das Leben lebenswert.
Leben und Tod sind Eins – Erscheinungen des Einen.